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Das Gesundheitswesen steht vor einem Umbruch. Mit Hochdruck arbeiten alle Beteiligten daran, mithilfe von Informationstechnologien die Vernetzung der Partner voranzutreiben - immer das Wohl der Patienten vor Augen. Den Kern bildet dabei die elektronische Gesundheitskarte (eGK). ![]() Claus Moldenhauer, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender der DAK Pöttgen: Ich kann dem nur zustimmen. Ich möchte allerdings noch einen Aspekt ergänzen: Die Erwartungshaltung der Versicherten und Patienten wird sich verändern. Sie sind es gewohnt, mit Medien wie dem Internet zu arbeiten und wollen auch im medizinischen Bereich Dienstleistungen und Informationen über das Internet beziehen. Auf der einen Seite ist das Gesundheitswesen also durch den Gesetzgeber gezwungen, sich mit Hilfe der Gematikstruktur den neuen Technologien zu öffnen. Auf der anderen Seite steigt gleichzeitig der Druck seitens der Kunden, solche Technologien zur Verfügung zu stellen. Wenn Sie die technischen Möglichkeiten ansprechen: Welche Vorteile haben die Krankenkassen davon? Wie profitieren die Krankenhäuser? Und letztlich: Was hat der Patient davon? Moldenhauer: Die elektronische Gesundheitskarte eröffnet zwei ganz neue Optionen. Indem sie eine eindeutige Identifizierung ermöglicht, stellt sie den Schlüssel zur sicheren Teilnahme an Telematikprozessen dar. Außerdem können mit Hilfe der eGK verschlüsselte Daten gespeichert und übertragen werden. Dabei hat allein der Versicherte durch den Besitz der Karte und das Wissen der PIN die Entscheidungsgewalt, wem er diese Daten zugänglich macht. Für die Krankenkassen ist damit ein sicherer sektorenübergreifender Informations- und Kommunikationsaustausch unter ausschließlich Berechtigten möglich. Der Patient hat die Möglichkeit, sich aktiv und eigenverantwortlich - auch das ist neu - in die Versorgungsprozesse einzuklinken und zu beteiligen. Und das ist auch etwas, das der mündige Patient künftig stärker einfordern wird. ![]() Pöttgen: Es ist ein Schritt in die Selbstbestimmtheit. Wenn Sie heute mit Patienten reden, dann werden Sie feststellen, dass sie durchaus informiert sind. Sie googlen ihre Erkrankung und die diagnostischen Schritte. Mit der Gesundheitskarte bekommen sie ein weiteres Mittel, um sich ihr eigenes Bild zu machen. Sie werden zum mündigen Patienten, der weiß, was mit ihm passiert. Das hat auch für die Krankenhäuser erhebliche Vorteile: Der Patient ist informiert, er ist nicht hilflos sondern arbeitet bewusst mit. Die Vernetzung des Gesundheitswesens wird von viel Misstrauen begleitet. Wo liegen denn Ihrer Meinung nach die größten Risiken wenn es um den Schutz der Patientendaten geht? Moldenhauer: Der Schutz von Patientendaten hat für die DAK und auch für mich persönlich höchste Priorität. Für mich ist gesundes Misstrauen absolut legitim und sinnvoll, denn dies spornt ja auch an, den Datenschutz sicher zu stellen. Das hat dazu beigetragen, dass alle medizinischen Daten versichertenindividuell verschlüsselt sind. Nehmen wir das Beispiel der verloren gegangenen Daten-CD Ende vergangenen Jahres in England: Wären die Daten personenindividuell geschützt gewesen, wie wir es im Rahmen der eGK machen, so hätte der Finder mit der CD nichts anfangen können. Er hätte den PIN und den Schlüssel eines jeden einzelnen Versicherten haben müssen, um diese Daten zu lesen und zu verwerten. Pöttgen: Ich kann das Misstrauen nachvollziehen. Bei solch riesigen Projekten wie die Einführung der eGK bleibt die Transparenz für die meisten Bundesbürger auf der Strecke. Sie fragen zurecht: Was passiert da überhaupt? Was habe ich davon? Wie bin ich als Bürger davon betroffen? Ich möchte aber eins ganz deutlich sagen: Ich glaube, dass die eGK die höchsten Sicherheitsstandards erfüllt. Der Patient hat die Hoheit über die Daten inne. Die Reform des Gesundheitswesens steht unter Schlagworten, die aus der freien Wirtschaft bekannt sind: Abläufe optimieren, Kosten senken und die Effizienz erhöhen. Wie lassen sich dabei unternehmerisches Denken und eine hohe Qualität bei Behandlung und Patientenversorgung unter einen Hut bringen? Moldenhauer: Aus meiner Sicht ist das relativ einfach. Die Krankenkassen sind schon seit einigen Jahren auf dem Weg, freie Wirtschaftsunternehmen zu werden. Nicht zuletzt der Name DAK - Unternehmen Leben drückt ja aus, für was wir stehen. Für ein großes Unternehmen, das sich um die Qualität des Lebens ihrer Versicherten kümmert. Das daraus letztendlich eine hohe Verantwortung und Kompetenz ableitet. Das ist auch gut so und auch der richtige Weg. Effiziente und effektive Prozesse sichern aus unserer Sicht den Unternehmenserfolg. Aber es gilt eben auch das klare Bekenntnis, dass die Kunden Herren über ihre Daten sind. Der Gesetzgeber hat hier eine klare Sprache gesprochen. Da gibt es auch keine Lücken, die noch zu schließen wären. Herr Pöttgen, mit dem AFH zeigen Sie einen Weg auf, wie Informationstechnologie dabei helfen kann, den medizinischen Leistungsstandard zu steigern und die Kosten zu senken. Was genau ist das Konzept des AFH? Welche Ziele verfolgen Sie? Das AFH-Programm bezieht beim Aufbau auch, wie sie gesagt haben, die Partner, also die niedergelassenen Ärzte, die Reha-Kliniken, Krankenkassen und weitere medizinische Leistungsträger ein. Herr Moldenhauer, wie sehen Sie die Zusammenarbeit der DAK mit dem AFH in diesem Zusammenhang? Moldenhauer: Wir definieren in dieser Zusammenarbeit die gemeinsamen Schnittstellen für Technik und Prozesse. Wir organisieren eine Kommunikations- und Informationsdrehscheibe für unsere Versicherten im Zusammenspiel mit seinen ärztlichen Vertrauenspersonen. Dabei legen wir besonderen Wert auf Verständlichkeit, einfache Handhabung, Durchgängigkeit und einen möglichst hohen Grad an Standardisierung. Dabei verfolgen wir das Ziel, diese Lösung später allen Beteiligten im Gesundheitswesen anzubieten. Wie sehen Sie das mit der Übertragbarkeit? Haben Sie da schon Erfahrungen gesammelt? Pöttgen: Der Asklepios-Konzern selbst ist hier das beste Beispiel. Wir haben über 100 Einrichtungen - vom 1000-Betten-Haus mit Maximalversorgung bis zu einer Reha-Klinik von 150 Betten. Unsere Entwicklungen vom Arztportal über OneIT, OneIT Plus Services bis hin zu Lösungen aus dem Future Hospital Projekt selbst werden über die gesamte Gruppe multipliziert. Wir übertragen also Lösungen, die für ein 1.000-Betten-Haus entwickelt wurden, auch in ein Haus für die Regionalversorgung oder ein Reha-Haus. Damit stellen wir unter Beweis, dass im Grunde jede Klinik unsere Lösungen nutzbringend einsetzen kann. Sehen wir uns mal die Informationen an, mit denen Sie es tagtäglich zu tun haben. Wie hilft Ihnen die IT dabei, aus diesen Informationen den größtmöglichen Nutzen zu ziehen - sowohl auf Seiten der Krankenkassen wie auch auf Seiten der Kliniken? Moldenhauer: Hier müssen wir unterscheiden. Medizinische Daten, das möchte ich betonen, können und wollen wir nicht zu unserem Vorteil verwerten. Sie gehören in die Obhut der Patienten und da sollen sie auch bleiben. Aber es gibt natürlich viele Daten im medizinischen Alltag, mit denen ich wertvolle Erkenntnisse gewinnen kann und die mir dabei helfen, Versorgungsprozesse zu optimieren, die Qualität zu verbessern oder einfach eine Vergleichbarkeit der Leistungen zwischen Wettbewerbern herzustellen. ![]() Uwe Pöttgen, Konzernbereichsleiter IT der Asklepios Kliniken Sie haben schon eine Reihe von Themen angesprochen, wo IT tatsächlich Prozesse beschleunigen und unterstützen kann. Vielleicht können Sie noch einmal ihre Einschätzung geben, wo IT im Gesundheitswesen zukünftig einen entscheidenden Beitrag leisten wird. ![]()
Claus Moldenhauer, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender der DAK Pöttgen: Man sagt immer, man soll sich in die Rolle des anderen versetzen. Wann ist IT für den Patienten wertvoll und wichtig? Wenn Sie durch den Einsatz von IT nicht mehr Stunden in Wartezimmern verbringen müssen, dann finden Sie IT gut. Erspart Ihnen IT den Weg zum Arzt indem sie sich über das Internet informieren können, finden sie das gut. Wenn die Behandlungsqualität steigt, weil die Meinung eines anderen Arztes einbezogen wurde, ohne dass Sie einen weiteren Termin oder gar eine Reise auf sich nehmen mussten, finden Sie es gut. Warum? Sie sparen Zeit und Geld. Das sind die Dinge, die wir im Zusammenhang mit der eGK vermitteln sollten: Was ist der Mehrwert? Und letztlich ist der Vorteil des Kunden auch unser Profit. Wir haben nun viel über das ganze Thema Kommunikation und Vernetzung gesprochen. In meinen Augen ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass man sich auf bestimmte Schnittstellen und Standards einigt. Wohin wird die Reise da in den nächsten Jahren gehen? Moldenhauer: Was sind denn Normen und Standards? Bedeutet das, dass wir alles gleich machen? Oder heißt es nicht vielmehr, eine Plattform zu entwickeln, an der verschiedene Normen und Standards andocken können. Dass wir also Schnittstellen schaffen. Dass wir eine Plattform bereitstellen, die zu unserer Datenautobahn wird. Wir müssen mit dem ersten Kilometer anfangen, dann kommt das erste, zweite, dritte Auto, und so wird sich das Stück für Stück entwickeln. Die eGK ist dafür eine erste Voraussetzung. Ich bin und bleibe optimistisch, dass diese Themen in den nächsten ein bis zwei Jahren ihre Umsetzung in Deutschland finden werden. Pöttgen: Für mich drängt sich hier der Vergleich zur Konsolidierung des Schienennetzes auf. Als durch die Vorgabe einer einheitlichen Spurweite die Reise von Frankfurt nach Berlin nicht mehr 15 sondern nur noch 5 Stunden dauerte, fragte keiner mehr nach dem Sinn einer Norm. Der Nutzen war offensichtlich. Diese Situation haben wir auch im Gesundheitswesen. Wir müssen uns auf grundlegende Standards einigen und eine Plattform schaffen, die ein einheitliches Schienennetz ermöglicht. Die eGK und die Gematik machen nichts anderes als eine solche sichere Infrastruktur und Standards zu definieren, auf die wir dann Züge setzen müssen. Wenn Sie in die Zukunft blicken, sagen wir in 10 Jahren: Wie wird sich der Gesundheitsmarkt entwickeln und wie ist Ihre jeweilige Rolle in diesem Zukunftsszenario? Moldenhauer: Die IT wird weiter das Gesundheitswesen vorantreiben. Die DAK wird weiter diesen Weg gehen und vorantreiben. Die DAK wird als „Unternehmen Leben“ diesen Weg begleiten und auch weiterhin versuchen, eine Vorreiterrolle zu übernehmen. Dazu gehören Partner wie Asklepios, mit denen wir gemeinsam Ideen verwirklichen werden, dazu gehören Partner aus der Industrie, mit denen wir diese Dinge umsetzen müssen. Und dazu gehören engagierte Mitarbeiter, die in Projekten und aus der gesetzlichen Vorgabe heraus Ideen und Mehrwertleistungen entwickeln, die den Patienten, den Leistungserbringern aber auch uns Kostenträgern die Vorteile so deutlich machen, dass es Spaß macht, die Dinge voran zu treiben. Ich glaube, dass wir in 10 Jahren deutlich weiter sein werden als heute. |
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